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Leseprobe

GEZOGEN

Kapitel 1 bis 3 · rund 15 Minuten

TEIL I · ZUSTELLUNG

Gesetz über die bedarfsgesteuerte Verteilung von Dienstleistenden in der Verteidigungsbereitschaft (Dienstverteilungsgesetz, DVG)

§ 4 Auswahl
(1) Die Auswahl der Gestellungspflichtigen erfolgt durch das Bedarfsgesteuerte Dienstverteilungssystem (ATLAS) auf Grundlage eines automatisiert ermittelten Bedarfsprofils.
(2) Ein Anspruch auf Mitteilung der Auswahlkriterien besteht nicht, soweit deren Offenlegung die Funktionsfähigkeit des Verfahrens oder die Verteidigungsbereitschaft gefährden würde.
(3) Eine menschliche Überprüfung der Auswahlentscheidung erfolgt, soweit das Verfahren sie vorsieht.
(4) Zur Ermittlung des Bedarfsprofils können ergänzende Datenquellen herangezogen werden. Art und Umfang regelt eine nicht veröffentlichungspflichtige Dienstanweisung.

1Noch 19 Tage · Mittwoch, 10:42

WEIDENAUER KURIER · POLITIK
Erste Gestellungsbescheide zugestellt

Seit Mittwoch erhalten rund 41.000 junge Männer die Bescheide der ersten Auswahlwelle. Von einer Mobilmachung könne keine Rede sein, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums: „Wir sprechen vom Aufwuchs der Verteidigungsbereitschaft.“ Der Spannungsfall gilt seit elf Wochen. Die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht ist seither wieder anwendbar.

Der Briefträger wartete im Flur, während Hollmann unterschrieb, mit der Geduld eines Mannes, der an diesem Tag schon manche Tür umsonst angesteuert hatte. „Jonas Hollmann?“ – „Mein Sohn. Der ist nicht da.“ – „Dann nehme ich Sie als Familie. Hier Datum, Uhrzeit, und daneben schreiben Sie Ihr Verhältnis.“ Hollmann schrieb Vater. Es war 10:42 Uhr, Mittwoch, und das Wort sah auf dem Formular aus wie ein Zugeständnis.

Der Umschlag war gelb. Hollmann hatte schon solche Umschläge in der Hand gehalten, einen Mahnbescheid, die Kündigung eines Subunternehmers, einmal die Ladung als Zeuge in einem Verfahren, das dann doch nicht stattfand. Gelb hieß, dass jemand Wert darauf legte zu wissen, wann genau man ihn bekommen hatte. Absender: Karrierecenter der Bundeswehr, Weidenau. Adressat: Herrn Jonas Hollmann. Er legte ihn auf die Kommode im Flur, ganz gerade, die Kanten parallel, als sei es eine Rechnung, die nicht seine war.

Man macht fremde Post nicht auf. Das war eine der wenigen Regeln, die er weder Jonas noch Mara je hatte erklären müssen, und er hatte sie in fünfunddreißig Berufsjahren nur ein einziges Mal gebrochen, bei einem Subunternehmer, der es nicht anders verdient hatte.

Katrin kam aus dem Schlafzimmer, in dem sie nach der Nachtschicht tagsüber schlief, im Bademantel und mit dem Gesicht von jemandem, der von der Klingel geweckt worden ist und noch nicht entschieden hat, ob der Tag zählt. Sie sah den Umschlag. „Für Jonas“, sagte Hollmann. „Vom Karrierecenter.“

„Gelb“, sagte sie.

„Zugestellt, 10:42 Uhr. Ich habe unterschrieben.“

„Ruf ihn an.“

Er wählte die Nummer im Stehen, das Telefon am Ohr wie ein Werkzeug, das man prüft, bevor man es benutzt. Es klingelte siebenmal. Dann sprang die Mailbox an, mit der Ansage, die Jonas sich vor Jahren aufgesprochen hatte, ein bisschen zu fröhlich für einen jungen Mann, der an diesem Tag noch nichts wusste: Hier ist Jonas. Ich bin wahrscheinlich bei einem Einsatz. Hinterlass was, oder ruf den Notruf, wenn es dringend ist. Hollmann legte auf, ohne ein Wort.

„Mach ihn auf“, sagte Katrin.

„Er ist an Jonas.“

„Er ist von der Bundeswehr, Martin. Da stehen Fristen drin. Die laufen, ob du ihn aufmachst oder nicht.“

Er wusste, dass sie recht hatte, und es war das Schlimmste an ihr, dass sie das so oft hatte. Er riss den Umschlag mit dem Daumen auf, und der Riss wurde schief, so wie bei Leuten, die nicht daran gewöhnt sind, fremde Post zu öffnen.

Der Bescheid trug das Datum des Vortags und die Unterschrift von niemandem.

Hollmann hatte in fünfunddreißig Berufsjahren gelernt, ein Schreiben nach dem zu lesen, was es verschwieg, und er brauchte keine zwei Minuten, um zu sehen, dass hier ein Verfahren sich selbst für zuständig erklärt hatte. Aktenzeichen, Rechtsbehelfsbelehrung, ein Absatz über Mitwirkungspflichten: alles an seinem Platz, alles korrekt, und gerade das beunruhigte ihn. Er hatte Bauabnahmen erlebt, bei denen nichts zu beanstanden war. Es waren die schlimmsten gewesen, denn wenn der Prüfer am Bauwerk nichts mehr fand, suchte er an den Menschen weiter.

Das Papier war gut. Das fiel ihm auf, wie ihm bei Behörden immer das Papier auffiel; an der Grammatur konnte man ablesen, wie sicher sich ein Absender seiner Sache war. Dieses hier war sich sehr sicher.

Jonas Hollmann, geboren am 3. März, wohnhaft Birkenweg 14. Gestellung zum Dienstantritt in der Kaserne Weidenau-Süd, Montag, 06:00 Uhr. Er rechnete, ohne es zu wollen. Neunzehn Tage. Er drehte das Blatt um, obwohl er wusste, dass die Rückseite leer war, und legte es dann ganz gerade auf die Kommode, als ließe es sich so zurückgeben. Gemustert war er seit zwei Jahren, tauglich, und er hatte nicht verweigert; wenn es sich vermeiden lasse, hatte sein Vater damals gesagt, solle er es vermeiden, und dann hatte er den Nachtisch geholt und nichts weiter unternommen. Man hatte darüber geredet, wie man eben über Dinge redet, die einen nicht treffen werden.

Er dachte, wie er immer dachte, in Lasten. Wo eine Last ankommt, muss sie abgetragen werden, und die erste Frage jedes Statikers lautet nicht, wie schwer sie ist, sondern warum gerade dort. Warum Jonas? Im Bescheid stand es nicht, und es würde auch in keinem späteren Schreiben stehen, das ahnte er bereits.

Erst beim zweiten Lesen kam er zu dem Absatz, der ihn nicht mehr losließ, und das lag nicht an seinem Inhalt, sondern an seiner Höflichkeit. Die Auswahl erfolgt auf Grundlage eines algorithmisch ermittelten Bedarfsprofils. Ein Anspruch auf Mitteilung der Auswahlkriterien besteht nicht. Er las den Satz noch einmal, langsamer, mit dem Finger unter der Zeile, wie er es bei Vertragsklauseln tat, wenn er das Gefühl hatte, dass ihm jemand etwas verkaufte. Er hatte in seinem Leben Haftungsausschlüsse unterschrieben, die ehrlicher waren. Dort stand wenigstens, wer im Schadensfall nicht haften wollte. Hier stand nicht einmal, wer ausgewählt hatte.

Katrin war hinter ihn getreten und las über seine Schulter, aus dem Abstand, in dem man Dinge liest, die man nicht berühren will. Sie sagte nichts, und es war die Art Schweigen, die sie auf der Kinderstation gelernt hatte, wenn Eltern ihre Befunde bekamen, und zum ersten Mal in siebenundzwanzig Jahren stand er auf der anderen Seite davon.

„Wann?“, fragte sie schließlich.

„Montag in drei Wochen. Neunzehn Tage.“

„Das kann nicht sein. Er ist Rettungssanitäter.“

„Ehrenamtlich“, sagte Hollmann. „Das zählt offenbar nicht.“

Draußen im Garten sprang der Rasenroboter an, den Katrin ihm zum Fünfzigsten geschenkt hatte, weil er sich nie Zeit für den Rasen nahm, und fuhr seine gewohnte Strecke ab, gewissenhaft und ohne Ziel. Hollmann sah ihm durch die Glastür eine Weile zu. Es beruhigte ihn nicht, aber es verschaffte ihm Zeit.

Aus der Küche lief das Radio, das seit dem Morgen niemand abgestellt hatte: Pegelstände, eine Übung an der Ostgrenze, ein Minister, der von Vorsorge sprach und nicht von Vorbereitung. Hollmann hörte es, wie man den Kühlschrank hört.

Das Telefon brummte in seiner Hand. Schreiber, der Bauleiter, ob er kommen werde, die Trasse sei jetzt offen und der Elektriker habe nicht ewig Zeit. Um halb zwölf wartete im Landratsamt der Technikraum auf ihn, in dem die Kabeltrassen nicht stimmten, und es war der letzte Auftrag seiner Firma, bei dem Kabeltrassen überhaupt noch eine Rolle spielten. Das Landratsamt zahlte spät, aber es zahlte, das war sein einziger Vorzug gewesen und war inzwischen sein einziger Vorzug als Kunde. Elf Leute hatten bei ihm noch Arbeit, vor der Flut waren es dreiunddreißig gewesen. Vor fünf Jahren hatte er zwei Wochen lang mit zwei Baggern und sechs Mann im Schlamm gestanden, bis ein Krisenstab, der die Lage nicht kannte, ihm bescheinigte, dass das Formular für Selbstmelder noch nicht existiere. Die Rechnung steckte seitdem in einem Ordner, auf dessen Rücken Hollmann in einem Anfall von Humor Dank geschrieben hatte.

„Viertel nach elf“, sagte er in den Hörer, „ich bin unterwegs“, und er hörte sich dabei zu, wie er es sagte: ruhig, sachlich, ein Mann, dessen Sohn gerade zu einer Zahl geworden war und der trotzdem pünktlich sein würde. Das war das Seltsame an dieser Art Nachricht. Sie hob den Alltag nicht auf. Sie ließ ihn laufen und machte ihn nur unerträglich genau.

Das also war der Staat, mit dem er es zu tun hatte, und er hatte sich an ihn gewöhnt wie an einen schlechten Nachbarn: Man grüßte, man zahlte seine Steuern, man erwartete nichts. Dass dieser Staat nun nach seinem Sohn griff, mit gutem Papier und ohne Unterschrift, war keine Überraschung. Es war eine Folgerichtigkeit, und die war schlimmer.

„Ruf ihn noch mal an“, sagte Katrin. „Er hat ein Recht darauf, es nicht erst am Abend zu erfahren.“

„Ich wollte es ihm persönlich sagen.“

„Dann sag ihm wenigstens, dass du es willst.“

Er wählte noch einmal. Siebenmal, dann die Ansage, die geduldig lief, wie ein Amt, das alle Zeit der Welt hat. „Ich bin’s“, sagte Hollmann und wusste nicht weiter. „Es ist nichts Schlimmes“, sagte er schließlich und legte auf, bevor er hören konnte, wie das klang.

Es war der erste Satz an diesem Tag, den er nicht halten konnte, und er stand eine Weile mit dem Telefon in der Hand da, wie ein Mann, der etwas behauptet hat und den Beleg nachliefern muss. Dann fotografierte er den Bescheid, im Winkel von oben und mit dem Licht von der Seite, wie man einen Schaden dokumentiert, ehe jemand behauptet, er sei schon immer so gewesen, und schickte das Bild ab, ohne ein Wort.

Das Blatt hängte er danach in der Küche an den Kühlschrank, unter den Magneten vom Zahnarzt, zwischen Maras Stundenplan und den Abfuhrterminen, weil er nicht wusste, wohin sonst damit.

2Noch 19 Tage · Mittwoch, 11:10

Der Mann hieß Gerd Pötzsch, war dreiundsechzig und hatte seit vierzig Minuten das Gefühl, jemand lege ihm einen Gürtel um die Brust und stelle ihn Loch um Loch enger. Jonas Hollmann kniete neben ihm im Flur einer Doppelhaushälfte in Weidenau-Nord, zwischen Gummistiefeln und einem Schirmständer, und sagte, was man in solchen Fällen sagt, nur langsamer. „Sie müssen nicht reden. Ich rede. Sie atmen so, wie es geht.“

Auf dem Monitor lief die Kurve, ein Muster, das er vor einem Jahr nicht hätte deuten können. Jetzt sagte es ihm vor allem, dass die Notärztin nicht überrascht sein würde. Er war ehrenamtlich hier, vierundzwanzig Stunden im Monat, und im dritten Lehrjahr als Zimmerer, bei einem fremden Betrieb, weil sein Vater darauf bestanden hatte: Nicht bei mir. Du sollst wissen, ob du es auch kannst, wenn dein Name nicht an der Tür steht. Auf der Wache nannten sie ihn deshalb den Statiker, obwohl er keiner war und keiner werden wollte.

Pötzsch griff nach seinem Handgelenk. Die Hand war feucht und kalt, ein Detail, das Jonas noch Tage später wiederfinden würde, an Türklinken und in Gesprächen.

„Junge, dich werden die auch ziehen.“

Er hatte die Weste gesehen, nicht den Bescheid; von einem Bescheid wusste er nichts. Es war einfach der Satz, den man in diesen Wochen zu jedem Zwanzigjährigen sagte, so wie man früher über das Wetter sprach, um nicht über etwas anderes sprechen zu müssen.

„Mich holen sie vielleicht“, sagte Jonas. „Sie bringen wir jetzt erst einmal ins Krankenhaus.“

Die Notärztin kam nach vier Minuten, die Trage nach acht, und als die Hecktür zuschlug, stand Jonas im Vorgarten und merkte, dass sein rechtes Bein zitterte. Nicht aus Angst. Es war das Zittern, das kommt, wenn der Körper bemerkt, dass er nicht mehr gebraucht wird.

Das Handy hatte in der Brusttasche dreimal gebrummt. Er sah erst nach, als Birgit Wendt den Wagen zurück zur Wache lenkte, ohne Eile und ohne je zu spät zu kommen, so wie sie es seit vierzehn Jahren tat.

Das Foto kam von seinem Vater. Ein Blatt Papier auf einer Kommode, die Ecken parallel zur Kante gelegt, aufgenommen im Winkel eines Mannes, der Bauabnahmen fotografiert. Darunter kein Wort. Zwei Minuten später: „Ruf mich an.“ Dann, nach weiteren vier: „Bitte.“

Sein Vater schrieb nie „bitte“. Er schrieb Zahlen, Uhrzeiten und gelegentlich „ok“.

Jonas vergrößerte das Bild mit zwei Fingern, bis die Buchstaben unscharf wurden, und las trotzdem alles. Sein Name. Das Geburtsdatum. Die Kaserne Weidenau-Süd, die er von der Umgehungsstraße kannte, als Zaun. Montag, 06:00 Uhr. Neunzehn Tage. Sein Vater hätte gesagt: achtzehn und ein Rest, und hätte den Rest als Puffer geführt.

Überraschend war nicht, dass es ihn traf. Überraschend war, wie wenig. Gemustert hatte man ihn mit achtzehn, an einem Dienstag, in einem Gebäude mit Linoleum, wo ein Arzt ihm in die Ohren schaute, gegen die Brust klopfte und tauglich in ein Formular schrieb, ohne aufzublicken. Er hatte nicht verweigert. Beim Abendessen hatte sein Vater gesagt, wenn es sich vermeiden lasse, solle er es vermeiden, und war dann aufgestanden, um den Nachtisch zu holen, und keiner hatte das Thema wieder aufgenommen. Es hatte sich nicht vermeiden lassen, jedenfalls nicht, ohne etwas aufzugeben, das ihm damals wichtiger gewesen war: die Lehrstelle, die Wache, seine Freunde. Und niemand, den er kannte, hatte ernsthaft geglaubt, dass das Wort Spannungsfall je etwas anderes sein würde als ein Wort in den Nachrichten, das man wegschaltete, wenn das Essen auf dem Tisch stand.

„Du bist still“, sagte Birgit.

„Ich rechne.“

„Und?“

„Es geht nicht auf.“ Er meinte nicht die Tage.

Birgit Wendt war einundvierzig, hauptamtlich und hatte zwei Kinder, die sie nie erwähnte, wenn jemand klagte. Sie sagte nichts Kluges. Das war das Kluge an ihr. An der roten Ampel an der Brückenstraße reichte sie ihm ihre Thermoskanne und sah geradeaus.

„Mein Bruder war bei der Truppe“, sagte sie nach einer Weile, ohne ihn anzusehen. „Vor zwanzig Jahren, als das noch Freiwillige waren. Er hat gesagt, das Schwierigste sei nicht die Angst. Das Schwierigste sei, dass man ab dem ersten Tag nicht mehr gefragt wird. Man wird eingeteilt. Und irgendwann merkt man, dass man selbst nicht mehr fragt.“

„Hat er das überstanden?“

„Er arbeitet bei der Sparkasse.“ Sie sagte es trocken, und er musste lachen, obwohl nichts daran komisch war. „Du musst nichts beweisen, Jonas. Das habe ich in vierzehn Jahren gelernt. Wer hier etwas beweisen will, liegt irgendwann selbst auf der Trage.“

Es war das Längste, was sie in drei Jahren zu ihm gesagt hatte, und er verstand erst Tage später, dass es ein Geschenk gewesen war.

Im Flur der Wache hing schon der Dienstplan, und er sah, ohne es zu wollen, dass man ihn für den Samstag vor dem Montag eingeteilt hatte, eine Nachtschicht, die letzte, die er hätte fahren können. Jemand hatte sie mit Bleistift eingetragen. Bleistift war auf dieser Wache ein Zeichen dafür, dass man noch hoffte. Dahinter stand in einer Schrift, die er kannte, ein Fragezeichen, und er wusste, wer es gesetzt hatte, und dass derjenige es nicht ausradieren würde, solange er nicht musste.

Der Wachleiter, Hausmann, ein Mann mit einem Schnurrbart und einer Stimme wie ein Gabelstapler, schob den Kopf aus dem Büro. „Ist es wahr?“

„Was?“

„Dass sie dich einziehen.“

„Der Bescheid ist da.“

Hausmann kam heraus, blieb vor ihm stehen, und für einen Augenblick sah es aus, als wolle er ihm die Hand auf die Schulter legen und hätte vergessen, wie das ging. „Du bist hier Ehrenamt“, sagte er. „Die sagen, Ehrenamt zählt.“

„Wer sagt das?“

„Keiner. Das ist ja das Problem.“

Er verschwand wieder im Büro, und Jonas hörte, wie er die Tür nicht ganz zuzog.

Auf der Wache wusch er die Trage ab, füllte das Protokoll aus, Uhrzeit, Befund, Übergabe, und trug in das Feld für Besonderheiten nichts ein. Als er fertig war, klingelte das Handy. Auf dem Display stand Papa, darunter das Foto vom letzten Sommer, auf dem sein Vater so tat, als lache er nicht.

Er sah dem Display beim Klingeln zu. Es war kein Zögern, eher Buchführung: was er sagen würde, was der andere dann sagen müsste, und wer von beiden am Ende mehr zu tragen hätte. Sein Vater trug gern. Das war das Problem.

Nach dem achten Klingeln hörte es auf. Jonas steckte das Handy in die Brusttasche, zog den Reißverschluss der Weste zu und sagte sich, in dem Tonfall, in dem man eine Rechnung quittiert: Dann geh ich halt.

3Erfüllungsgrad · Mittwoch, 08:55

Mittwoch, 08:55. Sebastian Voss steht im Aufzug von Haus B und liest die Zahl noch einmal, die er seit zwei Tagen auswendig kennt: 115.212 von 118.400. Das sind 97,3 Prozent. Er rundet im Kopf nicht, er hat es nie getan. Die Zahl ist so gut, dass sie Misstrauen verdient, und er ist der Einzige im Haus, der das weiß.

08:58. Sitzungssaal 10.14. Vierzehn Stühle, elf besetzt, drei Bildschirme. Der Staatssekretär ist zugeschaltet, sein Bild eine halbe Sekunde hinter seiner Stimme. Frau Hartmann, Projektleiterin Betrieb, trägt vor, ohne abzulesen. Zugestellt und quittiert oder fristgerecht hinterlegt: 115.212 Bescheide. Ausfälle: 3.188, davon 2.904 wegen Anschrift, ungültig oder nicht zu ermitteln, 284 wegen Tod, Auswanderung oder Doppelerfassung. Automatisch ausgelöste Nachrückungen: 1.906. „Die Reserve füllt sich wie vorgesehen.“

09:07. Applaus. Kein lauter, eher das Klopfen von Knöcheln auf Tischplatten, wie in einer Fakultät. Der Staatssekretär sagt, das Land habe gezeigt, dass es könne. Voss notiert: Das Land hat nichts gezeigt, Zustellung ist Logistik. Er sagt es nicht. Er ist 44, Leiter des Programms, und hat gelernt, dass man einen Raum, der klatscht, nicht belehrt.

09:12. Tagesordnungspunkt fünf, Sonstiges. Frau Hartmann, im selben Ton wie zuvor: „Auffälligkeiten im Anfrage- und Einspruchsverhalten werden seit Version 1.4 automatisch markiert. Marker, kein Eingriff.“ Niemand fragt, was eine Auffälligkeit ist. Voss kennt die Definition, er hat sie selbst geschrieben: eine Abweichung von mehr als zwei Standardabweichungen vom Verhalten der Vergleichsgruppe. Er weiß auch, wie leicht ein Satz in einem Protokoll zur Gewohnheit wird.

10:40. Sein Büro, zehnter Stock, Blick auf einen Parkplatz und dahinter auf nichts. Voss trinkt keinen Kaffee mehr nach zehn. Er hat Zeit, an Weidenau zu denken, wenn er will, und er will nicht, tut es aber. Ein Samstag im Krisenstab, Telefone ohne Pause, Menschen, die Entscheidungen trafen, von denen es später keine Notiz gab, weil in der Nacht niemand daran gedacht hatte, eine zu machen. Einhundertfünfundachtzig Tote. Er hat sich damals geschworen, dass beim nächsten Mal jemand nachlesen kann, wer was entschieden hat. ATLAS ist die Einlösung dieses Schwurs. Dass es heute Menschen sortiert statt Sandsäcke, hält er für eine Frage des Maßstabs, nicht des Prinzips.

Sein stärkstes Argument, das er in jeder Runde bereithält und nie aufdrängt: Ohne ATLAS träfen dieselben Leute dieselben Entscheidungen, nur ohne Protokoll.

11:45. Kantine, Haus B. Frau Hartmann isst Suppe und spricht über Latenzzeiten, während Voss Salat vom Teller auf den Rand schiebt. Sie ist achtunddreißig, fährt mit dem Fahrrad, hat zwei Kinder und ist die Einzige im Haus, die ihn manchmal Basti nennt, wenn niemand zuhört. „Die Prüfstelle hat gefragt, wann sie die Wiedervorlage bekommt“, sagt sie und löffelt weiter. „Die zwölf Monate sind seit über zwei Jahren rum. Ich habe Nachfragen bekommen.“

„Nach dem Livegang.“

„Welchem?“

„Dem nächsten.“ Er lächelt, weil sie weiß, dass jeder nächste Livegang am Ende nur der übernächste ist. „Neun Auflagen. Sieben haben wir, oder haben es bald. Sieben und acht sind Konfigurationsfragen.“

„Dann konfigurieren wir sie.“

„Wenn Zeit ist.“

„Und wann ist Zeit?“ Hartmann sagt es freundlich. Sie führt die Frage nicht zu Ende, und er ist ihr dankbar dafür, und er misstraut dieser Dankbarkeit mit der Präzision, mit der er alles tut.

„Nach Version zwei“, sagt Voss.

Sie nickt, als habe er ihr ein Datum genannt. Beide wissen, dass es kein Datum ist, sondern ein Ort, an den man Dinge stellt.

14:20. Telefonat mit dem Staatssekretär, vier Minuten. Der Bundestag will vor der Sitzungswoche Zahlen zur Gleichbehandlung. Voss verspricht sie für Freitag. Er verspricht nichts über ihren Inhalt.

16:20. Eine Nachricht von Anna, seiner Frau: Lena habe Geburtstag, Kuchen um sieben, er solle bitte nicht wieder „kurz was nachprüfen“. Er schreibt zurück: „Komme.“ Er wird um 19:40 kommen. Er weiß es, während er tippt, und tippt es trotzdem. Sein Sohn Paul ist vierzehn. Voss hat einmal ausgerechnet, in welchem Jahr der Junge gestellungspflichtig sein wird, auf einem Blatt, das er danach zerrissen hat, nicht aus Aberglauben, sondern weil ein Mann, der ein System betreibt, nicht wissen soll, wie es seine eigenen Kinder sieht. Er hat es trotzdem im Kopf. Das Jahr, nicht das Ergebnis.

17:03. Voss liest das Betriebslog, wie jeden Abend, weil er den Zahlen misstraut, die man ihm vorliest. Bescheidquittungen: 115.212. Bürgertelefon: 4.771 Anrufe, 3.904 beantwortet. Neue Marker: zwölf, alle erwartbar. Dann, am Rand, eine Zeile wie tausend andere:

17:03:11 · Eingang Anfrage · Bürgerportal · Hollmann, Martin · Rückfrage zum Bescheid · Marker: keiner

Der Name sagt ihm nichts. Er hat keinen Grund, ihn sich zu merken, und merkt ihn sich trotzdem, aus dem Reflex eines Mannes, der Namen für Zahlen hält, bis einer nicht mehr in die Rechnung passt.

Ende der Leseprobe.

Arbeitsfassung, noch nicht lektoriert. © 2026 Tomas Kayser. Alle Rechte vorbehalten.

Buchcover GEZOGEN von Tomas Kayser

Wie es weitergeht

Noch neunzehn Tage. Und einer fängt an zu fragen.

Martin Hollmann will wissen, wer entschieden hat, dass sein Sohn geht. Sebastian Voss weiß, dass niemand entschieden hat. Beide werden sich wünschen, sie wüssten es nicht.